Viabilität / Gangbarkeit

Passt schon! – Das ist Ausdruck von Demut, von Ressignation oder von Zufriedenhet; deutet aber auch auf Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit, die gleichzeitig offen lässt, dass trotzdem alles ganz anders sein kann. Die erkenntnistheoretische Grundhaltung des Konstruktivismus ist die Einsicht in die grundsätzliche Begrenztheit des Wissens. Indem diese Grenze beschreibbar wird, entsteht gleichermaßen jenseits dieser Begrenztheit Offenheit für Neues.

Was müssen wir über das Schloss wissen, um die Tür aufzuschließen?

Passt schon!

Der grundlegende Gedanke der Gangbarkeit, der Viabilität, kann als bestimmendes Element des Konstruktivismus verstanden werden. Stark vereinfacht gesagt, wir – Individuen und soziale Systeme – konstruieren uns eine Welt, die aus der Sicht des Individuums bzw. des sozialen Systems funktioniert: ein Bild von der Welt, das gangbar ist.

Gerne verwenden wir in der Umgangssprache das bairische »Basst schoa« oder wir hören »Da geht noch was«. Wir kennen auch Pippi Langstrumpfs Motto »Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt«, die dann loszieht, um zu erproben, was denn möglich ist. Ernst von Glasersfeld nutzt die Schlüssel-Schloss-Metapher, um das grundlegende Verständnis des Konstruktivismus von »Wirklichkeit« zu erläutern (Glasersfeld, 1984).

Schloss und Schlüssel

Finden Sie heraus, welcher Schlüssel in das Schloss passt. Es ist der Schlüssel, mit dem Sie sich im Wortsinn die Welt erschließen können:

Abbildung: Das Schloss (links) und verschiedene Schlüssel (rechts)

Dabei wird Wissen nicht als Übereinstimmung mit Wirklichkeit verstanden. Der Satz, dass eine Aussage »stimmt«, macht aus konstruktivistischer Perspektive keinen Sinn. Allenfalls könnte man davon sprechen, dass eine Aussage »passt«.

Wissen ist im funktionalen Sinn angepasstes Wissen, das im Hinblick auf einen zu erreichenden oder erreichten Zweck wirksam ist. Die Aussage, dass der Schlüssel passt, ist demnach vor allem eine Aussage über den Schlüssel und nicht über das Schloss.

Für die Praxis
Für die alltägliche Praxis des Managements kann die konstruktivistische Sicht auf Wissen in zweierlei Hinsicht hilfreich sein:

Einerseits entsteht eine grundsätzliche Offenheit für andere Perspektiven und für neue Lösungen, die im Wettbewerb zu den vorhandenen – mehr oder weniger – zweckmäßigen Lösungen stehen. Damit rückt der Effekt, den die jeweilige Wirklichkeitskonstruktion hat, in den Fokus der Aufmerksamkeit, also je nach Perspektive der unmittelbare Zweck, das mittelfristige Ziel oder der weiter gefasste Sinn.

Andererseits führt diese auf Lösungen konzentrierte Perspektive zu Festlegungen, die dann nicht mehr hinterfragt werden oder hinterfragt werden können, weil sie in den Kommunikationen und Handlungen des sozialen Systems manifestiert werden. Die Verfestigung gewinnt ontologischen Charakter und wird als eigenständige, unveränderliche Wirklichkeit verstanden.

Welcher Schlüssel passt nun?

Um diese Überlegungen zu demonstrieren, haben wir oben die kleine Zuordnungsaufgabe gestellt: Welcher der schematisch dargestellten Schlüssel passt in das skizzierte Schloss?

Wahrscheinlich haben Sie Schlüssel Nr. 4 identifiziert, vielleicht auch Nr. 2 oder auch Nr. 6, weil dieser an einen Dietrich erinnert. Wir vermuten, dass Sie mit diesem Ergebnis auch sehr zufrieden sind, denn Sie haben die Aufgabe gelöst und können unsere virtuelle Tür öffnen.

Allerdings geht die Vielfalt der möglichen Lösungen darüber hinaus, denn es passen alle Schlüssel in das Schloss.

Quelle: Dieser Abschnitt ist entnommen aus:
50 systemische Demonstrationen