Metaphern: Hauptsache selbst gemacht

Nach der Bricoleur-Metapher aus unserem gleichnamigen Beitrag geht es weiter mit einem Beitrag über Metaphern an sich. Und mehr noch: Hier geht es darum, einen Selbstversuch zu machen. Tasten Sie sich an ein Bild heran, um eine Situation greifbarer und anschaulicher zu machen. Ein paar Tipps zum Selbermachen gibt es mit dem auf den Weg.

Wenn am Ende eine Metapher zur Corona-Zeit herauskommt: bitte hier publizieren. Danke.

Die kraftvolle Wirkung von Bildern ist unbestritten. Metaphern wirken. Das Spektrum an gut bekannten und vergemeinschafteten Metaphern ist breit. Es reicht von selbstverständlichen Begriffen wie »Flughafen«, die nicht mehr als Metapher wahrgenommen werden, bis hin zur bekannten Kuh, die vom Eis geholt werden muss, weil es zu dünn ist, von klassischen Metaphern wie Fausts »des Pudels Kern« bis hin zu neueren Metaphern, wie das in der Finanzkrise »geschnürte Rettungspaket« oder die unaufhaltsame »Flüchtlingslawine«. Im Arbeitsumfeld begegnen uns Metaphern wie der »Schnee von gestern«, die »Nadel im Heuhaufen«, der »Elefant im Porzellanladen«, auch wollen wir das »Rennen gewinnen und uns an die Spitze setzen«. Darüber hinaus laden Metaphern zur Reflexion ein, wie der Paul Watzlawick zugeschriebene Satz: »Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.« Womit er wohl den Nagel auf den Kopf trifft!

Metaphern können komplexe Themen sprachlich vereinfachen und verdichten. Ihre Stärke ist nicht die Abstraktion, wohl aber die Analogie, die die Erzählende verwendet, um das Konzept ihrer Perspektive auf eine Gefühlslage, eine Konstellation, eine Aufgabe, ein Problem oder auf ein Zukunftsbild hin zu verdeutlichen. Dabei eröffnen sich für den Zuhörer, aber auch für die Erzählende ein weites Feld von möglichen Assoziationen. Und schließlich kann man sich Metaphern besser merken. Die passende Analogie einer Metapher schafft gleichzeitig Interpretationsspielräume und Klarheit darüber, was gemeint ist. Es wird greifbar und begreifbar. Durch die Übertragung eines Themas auf die Welt einer Metapher kann es dort bearbeitet werden. Es erscheinen neue Einsichten und Schlussfolgerungen, es werden Grenzen der Vorstellungskraft und strukturelle Festlegungen des sozialen Systems überwunden oder es entsteht ein kreativer Prozess, der ungeahnte Lösungen und neue Ideen freisetzt. Man könnte sagen, dass die Metapher klüger ist als sein Erzähler oder dass sie in sich trägt, was noch nicht gewusst ist.

Eine gut gewählte Metapher spricht unsere Gedanken- und Gefühlswelt an. Sie reizt unser Denken und schickt es nahezu unaufhaltsam auf die Reise.

Schon das Schreiben über Metapher regt die Autoren an, mehr Metaphern als gewöhnlich zu verwenden. Der Appetit kommt eben manchmal beim Essen.

Hypnosystemische Therapie- und Beratungsansätze nutzen u. a. die »Mechanik« der Metapher, um Probleme zu erfassen, Analogien zu finden und schließlich werden Metaphern als eine Möglichkeit genutzt, um neue Perspektiven anzubieten, die zur Entwicklung einer Lösung beitragen können. Man könnte sagen: Der vermeintliche Umweg über die Metapher befreit das Denken von (einigen) Reglements des Verstandes und von Einschränkungen des Alltags und erlaubt es, andere Verzweigungen zu wählen. So entwickelt sich in der Metapher eine Lösung. Hypnosystemische Beratung versucht so, das limbische System und entwicklungsgeschichtlich ältere Gehirnbereiche zu adressieren. Sie nutzt dabei neben willkürlichen insbesondere unwillkürliche Ressourcen, nicht nur um andere Aspekte des Problems sichtbar zu machen und Lösungen zu erfinden, sondern auch um diese zu verankern (z. B. Schmidt, 2016).

Ein entscheidender Aspekt dabei ist die aktive Gestaltung des Beratungsprozesses durch die Ratsuchenden. Sie sind es, die auswählen, welches Angebot sie annehmen und welche Metapher sie wählen bzw. weiterentwickeln. Das wirkt nicht nur im Augenblick, sondern das wirkt nach. Die entwickelte Lösung ist dann präsent, wenn es darauf ankommt, denn das Vorhaben, die Lösung umzusetzen, wird auch in Hirnregionen verankert, die für Unwillkürliches zuständig sind.

Für die Praxis
Diesen Aspekt der Arbeit mit Metaphern wollen wir hier demonstrieren und Sie zu einem praktischen Versuch einladen:

Selbstversuch mit Metapher

  • Wählen Sie bitte eine Aufgabe oder ein Problem aus, dass Sie aktuell beschäftigt. Notieren Sie in wenigen Sätzen, wie sich das Problem für Sie darstellt.
  • Wählen Sie eine Metapher, ein Bild, das Ihnen in den Sinn kommt, wenn Sie an die Aufgabe, bzw. an das Problem denken. Das ist nicht immer einfach und nicht immer aus dem Stegreif zu lösen, deswegen zwei Hinweise, die die Metaphersuche etwas vereinfachen können:• Eine Metapher scheint geeignet, wenn Sie Sätze wie »Das Problem ist,
  • als ob …«, »Die Aufgabe ist wie …« oder »Stelle dir vor, wir wären …« vervollständigen können.
  • Als Metaphern werden gerne verwendet: Tiere mit besonderen Eigenschaften (das blaue Schaf), Landschaften und ihre Eigenheiten (das Hochgebirge im Schnee), Pflanzen und ihre Umwelt (der Bambus im Sturm), technische Zusammenhänge (das Rad im Getriebe), berufliche Tätigkeiten (das Austragen von Briefen) oder Tätigkeiten und Situationen aus dem alltäglichen Leben (das Abwaschen des Geschirrs).
  • Wenn Sie eine Idee für die Metapher haben, dann notieren Sie bitte in groben Zügen, wie die Metapher aussieht. Sie können gerne auch eine Skizze anfertigen: Was geschieht in dem Bild, in dem Film? (Was geschieht mit dem Bambus im Sturm?) Wie verhalten sich die Beteiligten? (Was tun die blauen Schafe auf der Weide? Wie ergeht es dem Briefträger beim Zusammentreffen mit den örtlichen Hunden?)
  • Dann finden Sie bitte heraus, wie in der Welt der Metapher die Lösung für die Protagonisten aussehen könnte. Probieren Sie gerne ein paar Varianten aus: Nehmen wir als Beispiel den Bambus, der im Sturm bestehen will:• Er wächst und bildet einen festen, dicken Stamm.• Er treibt Wurzeln und verankert sich fest im Boden.• Der Bambus sucht die Nähe zu anderen Pflanzen und trotzt so dem Wind.
  • Das entstehende Lösungsbild halten Sie bitte ebenfalls in wenigen Worten oder in einer Skizze fest. Geben Sie dem Lösungsbild eine Überschrift und übertragen Sie bitte die entstandene Lösungsmetapher auf die eigentliche Aufgabe oder das Problem. Bewahren Sie das Papier auf.
  • Eigentlich ist dann nichts mehr zu tun. Sie können sich in den folgenden Tagen gerne selbst beobachten: Was denken Sie oder wie verhalten Sie sich, wenn Sie sich mit der Aufgabe bzw. mit dem Problem beschäftigen?
  • Geben Sie sich zwei oder drei Wochen Zeit, um dann in einer ruhigen Minute das Blatt hervorzuholen und zu resümieren, was geschehen ist.

Ein solcher Versuch ersetzt natürlich keine hypnosystemische Beratung. Aber unsere Prognose ist, dass die Metapher Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Dass Sie immer wieder an den Lösungsansatz denken und versuchen, ihn umzusetzen. Die Metapher bleibt hängen, sie ist selbst gemacht, selbst durchdacht und niemand kennt sie besser als Sie selbst. Aus dieser emotionalen Verbindung heraus können Sie ausreichend Energie gewinnen, um die sich entfaltende Lösung auch tatkräftig umzusetzen.

Eine kritische Anmerkung zum Schluss: Kein Zweifel, Metaphern haben eine erhellende, hochwirksame Kraft, nicht nur in der Beratung oder in der Therapie, sondern auch in der alltäglichen Kommunikation von Unternehmen, Politik und Menschen. Aber sie werden auch verwendet, um zu verdunkeln, einzuengen und zu manipulieren. Auf diese Weise wird Gedankengängen und

Diskussionen ein Deutungsrahmen vorgegeben, der von Lösungsorientierung weit entfernt ist. Die Kritik auf philosophischer Ebene bezieht sich auf die Ungenauigkeit der Relation zwischen dem zu beschreibenden Sachverhalt, dem abgeleiteten Konzept und schließlich der zugeordneten Metapher. Siehe dazu beispielsweise Thomas Hobbes’ »Leviathan«, 5. Kapitel: »Von der Vernunft und Wissenschaft« (Hobbes, 1668, dt. 2017).

Zum Weiterlesen
Eine weiterreichende Vermessung des Themas Metapher finden Sie z. B. in folgender Literatur: Hüther (2004/2015), Kurz (1982/2009), Lakoff u. Johnson (2014).

Abschließen möchten wir mit einem Bonmot zu den Grenzen der Metapher, das Manfred Schwarz so formuliert hat:

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ja, aber sagen Sie das einmal in einem Bild!«

 

Quelle: Dieser Abschnitt ist entnommen aus:
50 systemische Demonstrationen