Thorsten Schlaak & Manfred Schwarz
Die Anziehungskraft von Problemen kennen wir – meist sehen wir diese Fokussierung bei anderen. Wir selbst sind eigentlich nicht leicht zu verführen – wirklich?.
Wie anziehend ein Problem auf Sie wirkt, wie leicht Sie in eine Problemtrance fallen, das können Sie anhand des folgenden Rätsels erproben.
Der Begriff »Problemtrance« bezeichnet den Bewusstseinszustand einer einzelnen Person oder eines sozialen Systems, der als Ergebnis der Anziehungskraft von Problemen beobachtet werden kann.
In diesem Kontext wird Trance als Tunnelblick verstanden, der – durch innere Bilder und Sätze befeuert – zu unwillkürlichen »Tonbandschleifen« führen kann (Schmidt, 2016, S. 13). Wenn wir hier die bereits verwendete Schloss-Metapher noch einmal aufnehmen, so kann man sagen, dass die Problemtrance dazu führt, dass man sich nahezu ausschließlich um das Schloss kümmert (Warum ist es so beschaffen und nicht anders?), statt sich auf die Gestaltung des Schlüssels (die Lösung) zu konzentrieren. Zumal man dabei auch Schlüssel bzw. Dietriche entdecken kann, die für verschiedene Schlösser passen könnten (de Shazer, 1985, dt. 2012).
Die Fokussierung auf das Problem ist ein Effekt, den jeder in verschiedensten Formen bereits erlebt hat. Wie mühelos das gelingt, zeigt folgende kleine Geschichte bzw. Aufgabe.
Damit kann man rechnen – ein Rätsel
Stellen Sie sich vor, Sie sind Busfahrer in Berlin. Sie fahren die Linie 41 und starten in der Sonnenallee. Die neuen digitalen Fahrgastzähler, die kürzlich in die Busse installiert wurden, scheinen nicht korrekt zu funktionieren. Und Sie werden gebeten, das zu überprüfen und zur Kontrolle die Fahrgastbewegungen mitzuzählen bzw. zu notieren. Es ist ein regnerischer, stürmischer Tag und es ist nicht besonders viel los auf den Straßen, sodass Sie sich auf die Zählung konzentrieren können:
Wir hoffen, dass Sie die Fahrt bis hierhin gut verfolgen konnten und sich auf die Zahlenbewegungen konzentrieren konnten, sodass Sie uns nun sagen können, wie alt der Busfahrer ist.
Die Frage ist also: Wie lässt sich aus unserer kleinen Geschichte das Alter des Busfahrers errechnen?
Die Fokussierung auf ein Problem ist eine wichtige Eigenschaft unseres Denkens und unserer Kommunikation, denn damit reduzieren wir Komplexität. Aber das Problem bestimmt dann auch, wie wir denken und kommunizieren. Es fokussiert uns auf das, was nicht geht oder nicht da ist. Der Leitgedanke »Das Problem muss weg« verschleiert die Sicht auf mögliche Lösungen. In Coachings und in systemischen Beratungen werden deshalb häufig lösungszentrierte Ansätze gewählt, die sich zunächst vom Problem emanzipieren und vom gewünschten Ergebnis her denken und arbeiten, um auf diese Weise andere Lösungsperspektiven zu entwickeln.
Hinzu kommt, dass ein bestimmter Sachverhalt oder ein bestimmtes Verhalten zwar in der Gegenwart als Problem wahrgenommen wird, sich aber in der Vergangenheit unter Umständen als effiziente Lösung bewährt hat. Das heißt, das Bestehen des Problems hat meist in der Wahrnehmung der Beteiligten immer gute Gründe. Es erreicht dadurch einen hohen Attraktorwert und eine entsprechend hohe Aufmerksamkeit, die das Problem dann weiter verfestigt. In diesem Sinne kann der Satz »Aber das ist doch kein Problem!« als wenig wertschätzend wahrgenommen werden, denn die Beteiligten haben das Problem ja mühsam aufgebaut.
Lösung: Das Alter des Busfahrers
Die rätselhafte Geschichte um das Alter des Busfahrers unternimmt modellhaft genau diesen Versuch. Da gibt es eine Reihe von Daten und Informationen, die den Eindruck vermitteln, dass es hier um die Zahl der Fahrgäste geht und um das Alter der Fahrgäste. Schon beim ersten Lesen sehen wir den Busfahrer am Steuer sitzen und zählen bzw. rechnen mit ihm, kommen aber auf die Schnelle zu keinem klaren Ergebnis. Dann die überraschende Frage nach dem Alter des Busfahrers. Schon rekapitulieren wir die Zahlen, vielleicht mehrfach. Die errechneten Ergebnisse machen aber keinen Sinn, das heißt, sie führen nicht weiter. Natürlich hängt es von Ihrer Lesesituation ab und von Ihrer Affinität zu Zahlen, wie oft und ausdauernd Sie nach einer Verbindung zwischen den Zahlen und dem Alter des Busfahrers suchen.
Vielleicht wollen Sie einen letzten Versuch machen, bevor sie frustriert weiterlesen? Jedenfalls wird der Zusammenhang erst sichtbar, wenn Sie sich von den gegebenen Zahlen lösen und Ihre Aufmerksamkeit auf den Inhalt des Textes lenken. Denn die Antwort auf die Frage liegt bereits im ersten Satz: »Stellen Sie sich vor, Sie sind Busfahrer in Berlin …«
Quelle: Dieser Abschnitt ist entnommen aus:
„50 systemische Demonstrationen„