Ambivalenz – jedes Ding hat mehr als eine Seite

VUCA ist heute ein allgegenwärtiges Schlagwort. Das A steht für Ambiguität oder auch Mehrdeutigkeit. Bricht man das Thema auf zwei Aspekte herunter, gelangt man zum Sowohl-als-auch oder zur Ambivalenz.

Die wörtliche Übersetzung des Begriffs ist ein Credo von Systemikern und Systemikerinnen: Beides gilt.

 Der changierende Würfel

Welches der beiden perspektivisch voll sichtbaren, sich überschneidenden Quadrate in folgenden Abbildung ist für Sie die Vorderseite des Würfels, welches die Rückseite?

Abbildung: Der Necker-Würfel

Beim Necker-Würfel erkennen wir – je nach Fokussierung – einen Würfel, auf den man entweder von rechts oben draufsieht oder den man von links unten betrachtet.

Der Necker-Würfel ist ein sogenanntes Kippbild oder eine Kippfigur. Solche Abbildungen führen uns zu spontanen Wahrnehmungswechseln.

Bekannt ist z. B. auch das Pokal-Profil-Muster, bei dem man entweder zwei schwarze, sich anschauende Gesichter sieht oder eben einen Pokal. Bei dem ebenfalls verbreiteten Bild »Meine Frau und meine Schwiegermutter« sieht man entweder eine alte oder eine junge Frau.

Hintergrund:
Systemisches Denken lebt nicht vom Entweder-oder, sondern vom Sowohl-alsauch. Ambivalenz (lat. ambo: beide und valere: gelten) bezeichnet entsprechend einen Zustand, bei dem widersprechende Wünsche, Gefühle und Gedanken gleichzeitig nebeneinanderstehen – und zu Spannungen führen können. Der Begriff Ambiguität wird oft gleichbedeutend mit Ambivalenz verwendet.

Redensartlich sagt man, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Ambivalenz im systemischen Sinn tritt aber erst auf, wenn dadurch ein innerer Konflikt hervorgerufen wird, der die Fähigkeit zu einer Entscheidung  hemmen kann.

Sprachliche Kippfiguren und Überkreuzstellungen

Kippfiguren, die Ambivalenzen in sich vereinen, gibt es auch in unserer Sprache. So ist das Oxymoron eine rhetorische Figur, bei der eine Formulierung aus zwei gegensätzlichen, einander widersprechenden oder sich gegenseitig ausschließenden Begriffen gebildet wird. Beispiele sind Hassliebe, alter Knabe, beredtes Schweigen oder Eile mit Weile.

Ein Oxymoron bietet sich immer dann an, wenn man dramatische Steigerungseffekte erzielen oder nur schwer Auszudrückendes oder gar Unsagbares ausdrücken möchte.

Verwandt im ambivalenten Geiste mit dem Oxymoron ist der Chiasmus, die Überkreuzstellung von einander entsprechenden Satzgliedern wie in: »Rubens war nicht nur der König der Maler, sondern auch der Maler der Könige«.

Oder in gedanklichen Überkreuzstellungen wie: Würden Sie lieber in einem hässlichen Gebäude mit Blick auf ein schönes Gebäude wohnen oder lieber in einem schönen Gebäude mit Blick auf ein hässliches?

George Spencer-Brown verstand Ambivalenz als Formbegriff (Spencer-Brown, 1957, dt. 2008, Einführung S. 1 ff.). Demnach ist eine Form eine Unterscheidung, die zwei Seiten hervorbringt. Bei einer Ambivalenz werden beide Seiten bezeichnet. Anschauliche Unterscheidungen sind z. B. Mann und Frau, Problem und Lösung oder Theorie und Praxis. Auch wenn man zur Bestimmung eines Phänomens jeweils nur eine Bezeichnungsseite benötigt, ist die zweite, nicht benutzte Bezeichnungsseite gleichsam immer mit im Spiel, also: Mann und nicht Frau, Problem und nicht Lösung, Theorie und nicht Praxis.

Ohne Probleme keine Lösungen und ohne Lösungen keine ProblemeBeide Begriffe begründen sich gegenseitig, grenzen sich dadurch voneinander ab, sind aber immer zugleich auch untrennbar aufeinander bezogen. So gibt es ohne Probleme keine Lösungen und ohne Lösungen auch keine Probleme.

In jeder Unterscheidung wird die Ambivalenz der Unterscheidung selbst deutlich: Wir können Mann vs. Frau unterscheiden, aber auch Mann vs. Kind oder Mann vs. Mutter usw. Wir treffen eine Unterscheidung und nehmen damit eine bestimmte Perspektive ein.

Jeder Begriff verweist immer auf seinen Gegenbegriff und solange sich die beiden Bezeichnungsseiten eindeutig voneinander abgrenzen lassen, ist alles in Ordnung: Eine Frau ist eben eine Frau und kein Mann. Doch wenn sich die scharfen Grenzen zwischen den Unterscheidungsseiten auflösen, kommt Ambivalenz ins Spiel. Etwa, wenn wir sagen, dass der Kollege durchaus auch weibliche Züge hat.

Für die PraxisIn der Praxis haben wir mit Ambivalenz insbesondere dann zu tun, wenn es um Entscheidungen geht. Denn wir müssen immer nur dann entscheiden, wenn mindestens zwei Wahlmöglichkeiten existieren, aus denen unbedingt eine ausgewählt werden muss.

Dass Ambivalenz etwas ganz Normales ist, hat auch das »US Army War College« erkannt. Es prägte den Begriff VUCA-Welt, der inzwischen in Managementkreisen für einige Furore gesorgt hat. Dieses Akronym beschreibt die immer schwierigeren Rahmenbedingungen der Unternehmensführung und steht für:

– Volatility, also Unberechenbarkeit;

– Uncertainty bedeutet Ungewissheit;

– Complexity steht für Komplexität;

– Ambiguity für Mehrdeutigkeit.

Mehrdeutigkeit (oder Ambivalenz) bezieht sich u. a. auf die Bewertung einer Situation.

Beispiel:
Kann und soll sich eine quirlige Großstadt wie Stuttgart inmitten eines bedeutenden Industriestandorts den aufwendigen Bau eines komplett neuen Hauptbahnhofs leisten? Oder muss sie das vielleicht sogar? Auf der einen Seite stehen Chancen wie Mobilität und Attraktivität, auf der anderen Seite Risiken und Widerstände. Zumal die Kosten nicht klar abzuschätzen sind. Was ist richtig?

So genau lässt sich das nicht sagen. Die Sache ist mehrdeutig, die innere Einstellung dazu ambivalent. Ob wir wollen oder nicht – wir leben heute in der VUCA-Welt. Hier hilft systemisches Denken, bei dem Ambivalenz ja bereits etwa durch das Einbeziehen von Wechselwirkungen und verschiedene Perspektiven gleichsam »eingebaut« ist, was wiederum hilft, sie zu verarbeiten.

Quelle: Dieser Abschnitt ist entnommen aus:
50 systemische Demonstrationen